Film-Fakes auf Amazon: Zu schön, um wahr zu sein

Auf Amazon werben Dritt­anbieter mit Streams von aktuellen Kino­filmen – gratis und in bester Bild­qualität. Wer auf die Lock­angebote reinfällt, bekommt nicht etwa Filme zu sehen, sondern tappt in eine Abofalle und verrät unseriösen Anbietern persönliche Daten. Bereits im vergangenen November hatte test.de über ähnliche Praktiken berichtet und ähnliche Reaktionen von Amazon erhalten. Fazit: Das Shoppingportal tut sich schwer damit, Nutzer vor betrügerischen Maschen zu schützen. test.de klärt auf.

Fantasie­angebote statt Fantasyfilme

„Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ – Millionen von Zuschauern haben diesen Film gesehen, seit er am 17. November 2016 in die deutschen Kinos kam. Kein Wunder, stammt das Dreh­buch doch aus der Feder von J.K. Rowling, der „Harry-Potter“-Auto­rin. Auf DVD und Blu-ray soll der Film erst im April 2017 erscheinen. Doch wer Anfang Januar die Seite Amazon.de besuchte, stieß auf eine fantastische Möglich­keit: Ein Anbieter namens „Movie Do’A Mamah“ warb damit, den Film bereits per App zu zeigen – in UHD, der derzeit best­möglichen Bild­qualität, und noch dazu gratis. Solche Angebote fanden wir auch für zahlreiche weitere Filme – von Oscar-Kandidaten wie „Jackie“ und „The Sales­man“ bis hin zu Block­bustern wie „Passengers“. Das erschien uns äußerst zweifelhaft, also nahmen wir zwei Fälle genauer unter die Lupe: Den erwähnten Hollywood-Film „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ sowie den südkorea­nischen Horrorthriller „The Wailing“.

Anfangs wirkt noch alles in Ordnung

Wer einen dieser Filme sehen will, muss sich zunächst die App „Amazon Underground“ besorgen. Dies ist eine offizielle App des Konzerns, es gibt sie aber nicht in den App-Stores von Google und Apple. Nutzer von Android-Tablets und -Smartphones können sie jedoch über die Seite amazon.de/underground herunter­laden. Für die Installation muss dem Tablet oder Smartphone gestattet werden, Apps aus unbe­kannten Quellen zu verwenden. Im Normalfall sollten Nutzer das unterlassen, da auf diesem Wege Schadsoftware eindringen kann – bei einer offiziellen Amazon-App ist das aber sehr unwahr­scheinlich. Ist die App installiert, muss sich der Kunde noch in sein Amazon-Konto einloggen und den gewünschten Film­titel in die Suchmaske eingeben.

Umwege, die nicht zum Ziel führen

Im Fall der „Phantastischen Tierwesen“ erhielten wir darauf­hin eine App, die genauso hieß wie der Film. Schädlinge enthielt sie nicht. Allerdings führte sie uns – statt den Film zu zeigen – auf eine Internetseite, deren Adresse nicht zu sehen war. Wir konnten aber durch eine Analyse des Daten­stroms ermitteln, dass es sich um das Portal vkstreamingfilms.xyz handelte. Mit offiziellen Onlinevideotheken (test 1/2017) wie Netflix, Maxdome oder Mubi hat diese Seite nichts zu tun. Auf der Home­page sahen wir ein Stand­bild aus dem beworbenen Film und einen „Play“-Button, der vortäuschte, dass das Werk sich hier abspielen ließe. Als wir dies versuchten, wurden wir aufgefordert, uns anzu­melden – zu diesem Zweck wurden wir auf eine andere Seite weitergeleitet. Mal war dies peltmedia.com, mal geeker.com.

Billigspiele statt exklusive Filme

Dort sollten wir unsere Kreditkarten­daten eingeben. Anschließend wurde uns ein Abo angeboten: Fünf Tage lang gratis, danach rund 28 Euro pro Monat. Dabei sollten wir die „Phantastischen Tierwesen“ doch eigentlich gratis zu sehen bekommen! Wir schlossen dennoch ein Abo ab, den gewünschten Film bekamen wir aber – Über­raschung! – nicht zu sehen. Es waren lediglich ein paar nicht besonders hoch­wertige Computer­spiele verfügbar. Wir kündigten umge­hend, damit uns kein finanzieller Schaden entsteht. Möglicher­weise geht es dem Anbieter aber nicht nur um die Abogebühr, sondern auch um persönliche Daten. Über sein angebliches Streaming-Portal hat er unsere E-Mail-Adresse, ein Pass­wort sowie Zahlungs­daten erfahren. Mit dem Verkauf von solchen Nutzer­daten lässt sich durch­aus Geld verdienen – außerdem können sie miss­braucht werden, um auf Kosten des Nutzers einzukaufen.

Fake-Angebote bleiben eine ganze Weile online

Inzwischen existieren die Angebote für „Phantastische Tierwesen“ und „The Wailing“ nicht mehr – ob sie von Amazon oder vom Dritt­anbieter selbst gelöscht wurden, teilte uns Amazon auf Nach­frage nicht mit. Zuvor waren die Seiten der beiden Filme allerdings längere Zeit auffind­bar. Gut möglich, dass in dieser Zeit manche Kunden Opfer der Betrugs­masche wurden. Generell besteht diese Möglich­keit auch weiterhin, denn inner­halb von wenigen Minuten Recherche fanden wir viele weitere Angebote, die vorgeben, brandneue Filme zu zeigen. Wir stießen beispiels­weise auf das acht­fach Oscar-nominierte Drama „Moon­light“ (Kino­start 9.3.2017), Feelgood-Kitsch wie „Bailey – Ein Freund fürs Leben“ (Kino­start 23.2.2017) und den Horrorstreifen „Rings“ (Kino­start 2.2.2017). Zudem verschwand zwar der Shop des Dritt­anbieters Movie Do’A Mamah, kurz darauf fanden wir aber einen Anbieter mit dem sehr ähnlichen Namen „Movie Do’A“, der ebenfalls damit warb, zahlreiche top­aktuelle Filme kostenlos zu zeigen.

Amazon reagiert mit Stan­dard­phrasen

Wir konfrontierten Amazon mit unseren Erkennt­nissen und fragten, ob der Konzern die von uns genannten Seiten selbst gelöscht habe, warum die offensicht­lichen Fake-Angebote längere Zeit online verfügbar waren und was genau unternommen werde, um solche Kundenfallen zu unterbinden. Auf unsere Fragen ging der Konzern nicht direkt ein, statt­dessen erhielten wir nur eine ausweichende, sehr allgemeine Antwort: „Bei Amazon haben wir uns verpflichtet, Kunden das best­mögliche Einkaufs­erlebnis zu bieten.“ Und: „Wir verfügen über Prozesse, mithilfe derer wir Verstöße identifizieren und die Entfernung der entsprechenden Produkte veranlassen. Die hier betroffenen Produkte sind nicht weiter verfügbar.“ Der letzte Satz stimmt so leider nicht, denn unter zwei von sechs Links, die wir Amazon nannten, waren auch nach der Antwort des Konzerns noch immer offensicht­liche Fälschungen zu finden: Einer dieser zwei verlinkten Shops listete auf satten elf Unter­seiten sogar mehr als 600 kostenlose Produkte auf. Schon auf einer einzigen dieser Unter­seiten fanden wir Angebote für rund 20 brandneue Kino­filme – natürlich alle „kostenfrei“. Mit diesem ineffektiven, lang­samen Vorgehen gegen Fake-Angebote setzt Amazon das Geld und das Vertrauen seiner Kunden aufs Spiel.

Film­angebote sind nicht die ersten Fakes auf Amazon

Bereits im November 2016 berichteten wir über Fake-Shops auf Amazon.de. Kunden fanden auf der Seite Produkte von Dritt­anbietern zu über­raschend güns­tigen Preisen – darunter etwa Kameras und Kaffee­maschinen. Wir bestellten probeweise einige Artikel, erhielten wie erwartet keinen davon und wurden so um mehr als 500 Euro betrogen. Schon damals stellten wir fest, dass solche unseriösen Angebote teil­weise erstaunlich lange online zu finden sind, ehe sie verschwinden. Und auch in diesen Fällen beant­wortete Amazon unsere Fragen nur sehr vage.

So erkennen Sie Fake-Angebote

Gesunder Menschen­verstand. Es ist sehr unwahr­scheinlich, dass ein Anbieter, der – anders als etablierte Film­verleihe und Online­video­theken – keinen Namen in der Film­industrie hat, die Rechte besitzt, um einen Film zu zeigen, der aktuell noch im Kino läuft oder erst in einigen Wochen startet.

Kino­start. Um auf Nummer Sicher zu gehen, sollten Sie online das Datum des deutschen Kino­starts recherchieren. Im Normalfall liegen zwischen Kino­start und der legalen Online-Veröffent­lichung sechs Monate oder mehr. Brand­aktuelle Filme dürften also online nicht legal zu finden sein – erst recht nicht auf Portalen mit obskur klingenden Namen wie vkstreamingfilms.xyz.

Kostenlos. Ein weiterer wichtiger Warnhin­weis ist die Tatsache, dass die Filme vermeintlich gratis gezeigt werden – der Anbieter würde daran nichts verdienen. Das ist ein deutliches Indiz für ein Fake-Angebot.

Name der App. Ein schlechtes Omen ist auch der Name der App, die wir über Amazon herunter­geladen haben – sie hieß so wie der gewünschte Film. Seriöse Videoportale wie Netflix oder Maxdome bieten eine über­greifende App an, über die das gesamte Repertoire genutzt werden kann. Ist die App hingegen nach einem speziellen Film benannt, handelt es sich vermutlich um ein zweifelhaftes Angebot.

Abo sofort kündigen

Falls Sie der Versuchung bereits erlegen sind und ein solches Abo abge­schlossen haben, kündigen Sie es sofort. Die Portale bieten mitunter eine mehr­tägige Gratis­phase, erst danach fällt die Abogebühr an. Außerdem gilt auch für Abos im Internet die gesetzlich vorgeschriebene 14-tägige Widerrufs­frist, bei falscher oder fehlender Widerrufs­belehrung läuft sie sogar noch länger. Laut einigen Nutzer­kommentaren ist die Kündigungs­option bei den genannten Anbietern manchmal schwer zu finden. Zu den Optionen zählen etwa „Kündigen“-Buttons direkt im Nutzer­konto, Faxe, Brief­post per Einschreiben und E-Mails – die Kontakt­daten des Anbieters erfahren Sie zum Beispiel im Impressum oder in den allgemeinen Geschäfts­bedingungen. Sollten nach der Kündigung noch weitere Abbuchungen statt­finden, wider­sprechen Sie den Zahlungen und wenden Sie sich an den jeweiligen Zahlungs­dienst­leister – etwa Paypal oder den Anbieter Ihrer Kreditkarte. Der kann ihr Geld zurück­erstatten und unseriöse Dienste blockieren. Zusätzlich sollten Sie jegliche Kommunikation mit dem Anbieter speichern, um für Kündigung oder Widerruf einen Beleg zu haben.

Quelle: Pressemitteilung Stiftung Warentest

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